Weinjahrgänge am Mittelrhein


In unseren Breiten ist es der Jahrgang, der im Zusammenspiel mit der Rebsorte den Charakter eines Weines maßgeblich bestimmt, ihm seinen Stempel aufdrückt. Der Jahrgangscharakter zieht sich wie ein roter Faden durch alle Weine eines Jahrganges und dominiert dabei die Einflüsse der jeweiligen Einzellage. So entstanden am Mittelrhein in den letzten Jahren der säurearme, breite und reiffruchtige 2003er, der kraftvolle, herbfruchtige und mineralische 2004er, der reife, cremige, tropisch-fruchtige 2005er, der kraftvolle, Dörrobst-fruchtige und würzige 2006er, der mal würzige, mal sahnig-tropisch-fruchtige 2007er, sowie der säurefrische, mineralische und schlanke 2008er.
Wie an anderen Stellen des Mittelrhein-Weinführers wird hier der Schwerpunkt auf die detaillierte Charakterisierung der Jahrgänge gelegt, auf eine Bewertung aber nicht verzichtet. Im Sinne der durchgängigen 3-Sterne-Bewertung werden die Jahrgänge in die Kategorien befriedigend (*), befriedigend-gut (*-**), gut (**), gut-sehr gut (**-***) und sehr gut (***) eingeteilt.


2009 

Der Jahrgang mit dem nassen Frühsommer und der kleinen Menge. Einem recht kalten Winter folgte ein warmes Frühjahr sowie ein regenreicher Frühsommer. Die Blüte begann etwa 1 Woche früher als normal, zog sich aber ungewöhnlich lange hin  und Verrieselungen legten den Grundstein für eine vergleichsweise kleine Ernte. Im Juli und August waren die Reben in Bacharach sehr gut mit Wasser versorgt, während es in Boppard sehr trocken war. Von Juli bis September lagen die Temperaturen über dem langjährigen Mittel, während der Lese blieb es vergleichsweise trocken. Der Ertrag lag schließlich ein Drittel unter dem Normalmaß. Die Presse überschlug sich schnell mit der Prognose eines absoluten Spitzenjahrgangs. Erste Verkostungen im April 2010 scheinen diese Prognose ausnahmsweise zu bestätigen. Der Riesling-Jahrgang präsentiert sich reif, dicht, cremig und früh trinkbar und profitiert von den geringeren Erträgen sowie der Sauberkeit des Traubenmaterials. Die trockenen Weine zeigen reife (tropische) Fruchtaromen, unter dem Schmelz am Gaumen breitet sich eine feste Mineralik aus. Den halbtrockenen Rieslingen fehlt es vielleicht etwas an Säure, aber die süßen Weine brillieren mit glasklaren und sehr intensiven Fruchtaromen.

Weinlese im Bopparder Hamm:




Mittlere Monatstemperaturen, gemessen an der Station Boppard. Quelle: www.dlr.rlp.de; das langjährige Mittel (1951-1980) bezieht sich auf Koblenz.


Niederschäge, gemessen an der Station Boppard. Vergleich der monatlichen Niederschläge in Boppard und Bacharach 2009 mit Boppard 2008. Quelle: www.dlr.rlp.de






2008
**

Der Jahrgang mit der langen Reife. Der Temperaturverlauf zeigte einige Parallelen zu 2007, die Wasserversorgung war jedoch gleichmäßiger als im Vorjahr. Aufgrund des warmen Frühjahrs blühten die Reben ca. zwei Wochen früher als normal, Beginn von Reife und Lese lagen jedoch ganz normal. Schon kurz nach Reifebeginn trat Botrytisbefall auf, der sich jedoch ab Ende September  deutlich verlangsamte. Während der Reife stiegen die Mostgewichte eher verhalten an, die Säure wurde nur langsam abgebaut. Am Ende wurden Mostgewichte erreicht, die etwas unter dem Vorjahr lagen (85°), sowie etwas höhere Säurewerte (12 g/l). Mit 40.000 hl und Erträgen von 95 hl/ha wurde am Mittelrhein eine Rekordernte eingebracht.
2008 ist ein Jahrgang, der deutlich schlanker, alkoholärmer und säurebetonter ausfällt, als seine Vorgänger. Insbesondere bei den trockenen Rieslingen findet sich oftmals eine sehr pfeffrige Würze. Es ist ein Paradejahrgang der halbtrockenen Rieslinge, die sehr frisch und Mittelrhein-typisch daherkommen. Ähnlich wie in 2007 zeigen ausgereifte Rieslinge deutliche Honig- und Blütenaromen sowie Fruchtkomponenten, die von reifen heimischen Früchten bis zu tropischen Aromen reichen.


Mittlere Monatstemperaturen, gemessen an der Station Boppard. Quelle: www.dlr.rlp.de



Niederschäge, gemessen an der Station Boppard. Quelle: www.dlr.rlp.de





2007 **-***

Der Jahrgang mit dem außerordentlich warmen Frühjahr. Von Januar bis Juni lagen die Durchschnittstemperaturen über dem langjährigen Mittel, danach kehrte Normalität ein. Die Niederschläge waren relativ gleichverteilt, nur im April und Oktober war es ungewöhnlich trocken. Es war kein ausgesprochen trockener Jahrgang, trotzdem fielen insgesamt 20% weniger Niederschlag als im langjährigen Jahresmittel. Der Austrieb der Reben erfolgte in diesem sommerlich warmen Frühjahr bereits Mitte April (normalerweise Anfang Mai), die Rebblüte begann im Mai (normalerweise Juni). Schnell enstand ein Vegetationsvorsprung von drei Wochen. Dieser Vorsprung hielt bis zum Reifebeginn Anfang August, wurde dann aber durch kühle Spetembernächte langsam abgebaut, sodass die früheste Ernte aller Zeiten ausblieb. Folge dieser Verzögerung war jedoch eine außergewöhnlich lange Reifezeit, die die Mineralstoffaufnahme und Bildung von Aromen begünstigte. Ein Thema in 2007 waren Schäden durch Sonnenbrand, von denen ca. 10-20% der Trauben betroffen waren. Dennoch war 2007 mit einem Durchschnittsertrag von 95 hl/ha ein ertragreiches Jahr. Der Botrytispilz zeigte sich von seiner besten Seite, indem er erst im Oktober in Erscheinung trat. Die Riesling-Säurewerte von 10-13 g/l bei einem Mostgewicht von 85-90° Oechsle zeigen mittlere Werte bei hohem Mostgewicht. Der Jahrgang offenbart eine bemerkenswerte Zweiteilung des Anbaugebietes: Die Rieslinge südlich von Boppard (Oberwesel, Bacharach) zeigen ausgeprägte Kräuter- und Gewürznoten, bei höheren Prädikaten kommen Honig- und Blütenaromen hinzu, die Frucht tritt etwas in den Hintergrund. Die Bopparder Rieslinge hingegen zeigen ausgeprägte, tropische Fruchtaromen, Gewürze und einen sahnigen Schmelz. Dem Weinfreund bietet sich viel Raum für Entdeckungen!

Foto: DWI


Mittlere Monatstemperaturen, gemessen an der Station Boppard. Quelle: www.dlr.rlp.de; das langjährige Mittel (1951-1980) bezieht sich auf Koblenz.




Niederschäge, gemessen an der Station Boppard. Quelle: www.dlr.rlp.de; das langjährige Mittel (1951-1980) bezieht sich auf Koblenz.





2006 **

Das Sommermärchen - ein für die deutschen Winzer nicht unproblematischer Jahrgang. Einem vergleichsweise langen, kalten Winter folgten ein sehr warmer Juli, ein kühler August und ein bemerkenswert warmer Herbst. Überdurchschnittlich viel Niederschlag gab es in den Monaten Mai und August. Ende September / Anfang Oktober gab es teilweise monsunartige Regenfälle, die "Fäulnis" zum beherrschenden Thema während der Ernte machten. Sehr selektive und möglichst rasche Lese waren nötig, um in 2006 optimales Traubengut einzubringen. Das Schlagwort "Turbolese" machte schnell die Runde. Der Ertrag im Anbaugebiet Mittelrhein war durchschnittlich und lag damit fast ein Drittel höher als 2005 - wobei der Lesezeitpunkt über die geerntete Menge entschied. Manche Winzer, besonders die "Spätleser" hatten große Ertragseinbußen zu verzeichnen. Peter Jost vergleicht den Jahrgang mit dem "legendären 1989er". Er schreibt in seinem Erntebericht: "Die Trauben waren sehr früh reif; die Mostgewichte schon Ende Oktober sehr hoch. Dann kam ein starker Regen, schlagartig setzte die Botrytis-Infektion ein. Doch wir hatten Glück, denn es folgte - ähnlich wie 1989 - ein trocken-warmer Oktober. Die Reben trockneten ab und uns blieb die Zeit gesunde, edelfaule und verdorbene Trauben in mühevoller Kleinarbeit voneinander zu trennen." Neben den hohen Mostgewichten ist der Riesling-Jahrgang durch eine etwas unter dem Niveau des Vorjahres liegende Säure gekennzeichnet. Aufgrund der Fäulnis-Problematik trennt sich in diesem Jahrgang die Spreu vom Weizen. Nur wer spät (physiologische Reife!) und sehr selektiv gelesen hat, konnte überzeugende 2006'er präsentieren. Die Verkostungen zeigen, daß auch dieser Jahrgang sehr kraftvolle, füllige Weine hervorgebracht hat. Die Frucht ist noch reifer als in 2005 und geht eher in Richtung gekochter Früchte und Dörrobstnoten. Oftmals wird diese Frucht von mineralischen und würzigen Komponenten dominiert. Häufiger als sonst finden sich in den 2006'er Rieslingen Bittertöne und den trockenen Gewächsen macht der oftmals hohe Alkoholgehalt zu schaffen.

Foto: DWI/Hartmann

Mittlere Monatstemperaturen, gemessen an der Station Boppard. Quelle: www.dlr.rlp.de; das langjährige Mittel (1951-1980) bezieht sich auf Koblenz.



Niederschäge, gemessen an der Station Boppard. Quelle: www.dlr.rlp.de; das langjährige Mittel (1951-1980) bezieht sich auf Koblenz.







2005 ***

Der Jahrgang, der im Spätsommer und Herbst zu großer Form auflief. Von März bis Oktober wurde eine Wärmesumme erreicht, die normalerweise für ein gesamtes Jahr reichen muß. Die Monatsmittel der Temperaturen lagen fast durchgängig über dem langjährigen Mittel. Entsprechend erreichten die Trauben einen Reifevorsprung von etwa einer Woche gegenüber dem langjährigen Durchschnitt. So wurde in 2005 sehr früh mit der Ernte begonnen, die wegen der Niederschläge Anfang September auch recht schnell durchgeführt wurde und dementsprechend früh beendet war. Die Erntemenge lag etwa 10% unter der des Vorjahres, die Mostgewichte reichten jedoch an die bemerkenswerten 2003er heran. Die für den Riesling durchschnittlich erreichte Säure von 9g/l lag unter dem langjährigen Mittel. Die Niederschläge lagen bis in den Juli zum Teil deutlich über denen des Vorjahres, dennoch war die klimatische Wasserbilanz für den Zeitraum Mai bis September negativ. 2005 war also kein so trockenes Jahr wie 2003/2004, die Wasserversorgung aber nicht ganz optimal. Im Raum Oberwesel und Kaub kam es am 27. Juli zu einem Hagelschlag, der die Ernte im Goldemund fast zu 100% vernichtete und auch in den anderen Oberweseler und Kauber Lagen immense Schäden anrichtete (siehe Bild). Ab Ende September zeigten die Trauben Fäulnis, wobei es sich meist um saubere Botrytis handelte. Wo weder der Hagel noch die Fäulnis zuschlugen und früh gelesen wurde, konnten reife Trauben in guter Qualität und Menge eingebracht werden. Wo die maximale physiologische Reife abgewartet wurde und streng selektiert wurde, wurden vollreife, goldgelbe bis manchmal rosafarbene Rieslingtrauben eingebracht. Das Ergebnis sind sehr reife, cremige und bereits früh trinkbare Rieslinge, in denen besonders die tropischen Fruchtaromen dominieren. Florian Weingart, Matthias Müller und Peter Jost präsentierten in diesem Jahr beeindruckende Kollektionen. Unter dem Strich erwies sich der 2005'er als Spitzenjahrgang am Mittelrhein, auch wenn nicht jeder Winzer aus Oberwesel dies so sehen wird.

Vorläufige Daten für Riesling des Jahrgangs 2005 am Mittelrhein im Vergleich zum langjährigen Mittel (Quelle: www.dlr.rlp.de)


Austrieb
Blüte
Reifebeginn
Mostg.
Säure
Ertrag
2005
01.05.
13.06.
14.08.
85° Oe
9 g/l
70 hl/ha
Mittel
01.05.
17.06.
21.08.
75 ° Oe
12 g/l
81 hl/ha

Mittlere Monatstemperaturen, gemessen an der Station Boppard. Quelle: www.dlr.rlp.de; das langjährige Mittel (1951-1980) bezieht sich auf Bad Ems.

 

Niederschäge, gemessen an der Station Boppard. Quelle: www.dlr.rlp.de; das langjährige Mittel (1951-1980) bezieht sich auf Bad Ems.

 



2004 **-***

Die Rückkehr der "Normalität" nach dem außergewöhnlichen 2003'er. Von den Winzern hörte man schon früh das einhellige Urteil: "Die Riesling-typische Frucht und Säure sind wieder da".  Wie  im Vorjahr bereitete die Schwarzfäule stellenweise Probleme, erstmals geisterte sie in 2004 durch die Schlagzeilen. Gerade am Mittelrhein ist die Schwarzfäule ein heißdiskutiertes Thema, da brachliegende Weinberge ursächlich mit dieser Krankheit verknüpft sind. Bis Mitte November wurden 1640 Sonnenstunden gemessen: 460 weniger als in 2003, aber immer noch 100 Stunden mehr als im 30-jährigen Mittel. Dem sich zunächst regenreich und kühl präsentierenden Sommer folgten ein guter Spätsommer und Herbst, was eine lange Reifezeit ermöglichte. So wurden schließlich unerwartet hohe Mostgewichte und eine gute physiologische Reife erreicht. Leider verhinderte mäßiges, feuchtes Wetter Ende Oktober die absolute Spitze. Die Erträge lagen über dem langjährigen Mittel. Sensorisch waren viele junge Rieslinge dieses Jahrgangs durch herbgrüne Fruchtaromen und eine pikante Säure gekennzeichnet. Diesen Weinen muß man Zeit zur Entwicklung lassen. Der Zeitpunkt der physiologischen Reife der Trauben fand sich beim 2004er erst bei höheren Mostgewichten als sonst üblich. Deshalb brachte der Jahrgang gerade bei den Spitzenwinzern, die mit entsprechender Geduld auf den optimalen Reifezeitpunkt warteten, sehr gute Ergebnisse. Trotz der Riesling-typischen Säure fallen die 2004er keinesfalls schlank, sondern eher körperreich und kraftvoll aus. Neben den bereits erwähnten herbgrünen Fruchtaromen sind ausgeprägte Gewürznoten und eine an Sandstein erinnernde Mineralik prägend für den Jahrgang 2004 - diese Mineralik zieht sich geradezu wie ein roter Faden durch die 2004er Rieslinge.


Foto: DWI/Hartmann



2003 **

Der Sonnenjahrgang. Dieser Jahrgang zeigt uns das Verhalten der Weinberge (und Winzer) in einer Extremsituation. Erstmals (ab 1. Oktober) war die Säuerung der Weine mit bis zu 1,5g/l Weinsäure erlaubt. Die Lese begann im Durchschnitt drei Wochen früher als sonst. Von Juni-September lag die durchschnittliche Regenmenge unter der Hälfte des langjährigen Mittels. Ob der Trockenheit waren in diesem Jahrgang mittelschwere und schwere Böden sowie alte Rebanlagen klar im Vorteil. Die lange Hitzeperiode führte natürlich zu hohen Mostgewichten, aber auch zu einem deutlichen Abbau der Fruchtsäure. Viele Trauben zeigten Schwarzfäule, die jedoch nicht übergriff und deshalb kein ernsthaftes Problem darstellte. Die Beerenhäute waren sehr dick, allein deshalb wurden geringere Erträge erzielt. Zusammenfassend kann der Jahrgang als einzigartig - aber keinesfalls einfach - bewertet werden.



Jahrgangsbewertungen 1987-2008

2008 **
2007 **-***
2006 **
2005
***
2004 **-***
2003 **
2002
***
2001 **-***
2000 *
1999 *
1998 **
1997 **
1996 **-***
1995 **
1994 **-***
1993 ***
1992 **-***
1991 **
1990 **-***
1989 ***
1988 **
1987 *
 


 

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