Weinjahrgänge am Mittelrhein


In unseren Breiten ist es der Jahrgang, der im Zusammenspiel mit der Rebsorte den Charakter eines Weines maßgeblich bestimmt, ihm seinen Stempel aufdrückt. Der Jahrgangscharakter zieht sich wie ein roter Faden durch alle Weine eines Jahrgangs und dominiert dabei die Einflüsse der jeweiligen Einzellage. So entstanden am Mittelrhein in den letzten Jahren der kapriziöse, rassig-mineralische 2012er, der zitrusfruchtige, rassig-stoffige 2013er, der von Botrytis geprägte, säurefrische 2014er, der reiffruchtig-schmelzige 2015er und der herbfruchtig-mineralische 2016er.
    Wie an anderen Stellen des Mittelrhein-Weinführers wird der Schwerpunkt auf die detaillierte Charakterisierung gelegt, ohne auf eine Bewertung der Jahrgänge zu verzichten. Im Sinne der durchgängigen 3-Sterne-Bewertung werden die Jahrgänge in die Kategorien befriedigend (*), befriedigend-gut (*-**), gut (**), gut-sehr gut (**-***) und sehr gut (***) eingeteilt.


2016 **

Ein arbeitsreicher Jahrgang, der Kapriolen schlug. In den Monaten Mai und Juni gab es extrem hohe Niederschläge, die den Winzern in punkto Rebschutz (falscher Mehltau) einiges abverlangten. Bei mittleren Temperaturen setzte die Rebblüte spät und zögerlich ein. Das Kontrastprogramm folgte im Sommer, als die Reben regelrecht um Wasser ringen mussten. Spätsommer und Herbst boten gute Reifebedingungen für die Trauben und ermöglichten ein versöhnliches Ende der Weinlese. Schließlich wurde ein um 17 Prozent höherer Ertrag eingefahren, als im langjährigen Duchschnitt.
Unerwartet niedrig fielen die Säurewerte aus. Deutschlandweit wurde die Säuerung für den Jahrgang 2016 zugelassen und die Winzer standen vor der schwierigen Frage, wie sie sich je nach Wein dazu verhalten sollten.
Erste Proben im Mai 2017 präsentierten Rieslinge mit sauberer, herbfruchtiger Nase, Kräuterwürze und betont mineralischen Noten. Die Gaumenaromatik ist dicht, der mineralische Nachhall intensiv. Trotz der niedrigeren Säurewerte verfügen die restsüßen Weine über ein animierendes Spiel.
Fazit: Wieder einmal trennt sich die Spreu vom Weizen. Nur wer sauber gearbeitet hat, wurde am Ende mit erfrischenden Weinen belohnt. Der Weinfreund sollte differenziert einkaufen!

Foto: DWI
 

Mittlere Monatstemperaturen, gemessen an der Station Boppard. Quelle: www.dlr.rlp.de; das langjährige Mittel (1961-1990) bezieht sich auf Koblenz.


Niederschäge, gemessen an der Station Boppard; das langjährige Mittel (1961-1990) bezieht sich auf Koblenz. Quelle: www.dlr.rlp.de




2015 ***

Ein trockener Jahrhundertjahrgang? Schon früh rauschte es im Blätterwald, man überbot sich mit Superlativen. Zu den Fakten. Bis auf ein Gewitter im Mai gab es am Mittelrhein fast während der gesamten Vegetationsperiode keine nennenswerten Niederschläge - man notierte eines der trockensten Jahre seit Menschengedenken. Kein Problem für ältere Rebstöcke, doch die jungen mußten kämpfen. Zudem war es in den Monaten Juli und August ungewöhnlich heiß. Aufgrund der extremen Trockenheit gab es keinen hohen Krankheitsdruck, aber die Beeren blieben vergleichsweise klein. Während des goldenen Oktobers konnte bei recht enstspannter Lese etwa 20% mehr als im Vorjahr geerntet werden - und das bei durchweg höheren Mostgewichten (85 °Oechsle statt 77° in 2014). Einige Mittelrhein-Weingüter setzten noch ein Sahnehäubchen drauf, indem sie erfolgreich Eisweine ernteten.
Bereits die ersten Verkostungen im Mai 2016 präsentierten sehr reife Fruchtaromen, viel Schmelz und Mineralität. Die Weine füllten den Mund, unterstützt von einer festen, aber sehr gut eingebundenen Säure.
Fazit: Seit 2011 hat es am Mittelrhein keinen so vielversprechenden Jahrgang gegeben. Mein Tipp: Unbedingt zugreifen!

Foto: DWI 

Mittlere Monatstemperaturen, gemessen an der Station Boppard. Quelle: www.dlr.rlp.de; das langjährige Mittel (1961-1990) bezieht sich auf Koblenz.


Niederschäge, gemessen an der Station Boppard; das langjährige Mittel (1961-1990) bezieht sich auf Koblenz. Quelle: www.dlr.rlp.de





2014 *-**

Ein weltmeisterlicher Jahrgang? Beinahe, doch dann drehte sich das Spiel buchstäblich in den letzten Minuten. Der Winter war ungewöhnlich mild und so startete der Jahrgang 2014 zunächst richtig durch. Der Austrieb begann bereits am 8. April,  drei Wochen früher als normal und der früheste Termin seit Beginn der Aufzeichnungen. Ende Juni registrierten die Winzer Probleme bei der Wasserversorgung, doch der Dauerregen im Juli verschuf Abhilfe. Am 10. August begann der Riesling zu reifen, inzwischen war der Vorsprung auf eine Woche zusammengeschmolzen. Niederschläge und kühlere Temperaturen hatten das Reifetempo deutlich verlangsamt. Dann folgte der GAU - und die Wende im Spiel. Starkregen um den 20. September brachte die Traubenhäute zum Platzen. Es begann die unvermeidliche Turbo-Lese. Bei weiterhin feuchtwarmen Bedingungen breitete sich der Botryts-Pilz explosionsartig aus und es mußte sorgfältig selektioniert werden. Diese Selektion war es, die den Ertrag auf 33.000 hl schrumpfen ließ. 2014 ist ein quantitativ kleiner Jahrgang am Mittelrhein. Nach der zweiten Oktoberwoche war die Lese bereits beeendet, anhaltender Regen verursachte den Abpfiff. Die Lese 2013 hatte zu diesem Zeitpunkt gerade erst begonnen!
    Was darf der Weinfreund von diesem kapriziösen Jahrgang erwarten? Etwas niedrigere Säurewerte als im Vorjahr und niedrigere Oechslewerte, wenn entsprechend früh gelesen wurde. Die Frucht präsentiert sich reif - phänologisch ist der Jahrgang deutlich reifer, als es das Mostgewicht erwarten ließe. Und wie immer, wenn  Botrytis massive Probleme bereitet, kam es auf die besonders sorgfältige Selektion und Verarbeitung an, um reintönige, fruchtbetonte Weine zu erzeugen. In solchen Jahrgängen trennt sich die Spreu vom Weizen noch deutlicher als für gewöhnlich und der Weinfreund sollte entsprechend selektiv einkaufen.

Foto: DWI


Mittlere Monatstemperaturen, gemessen an der Station Boppard. Quelle: www.dlr.rlp.de; das langjährige Mittel (1961-1990) bezieht sich auf Koblenz.


Niederschäge, gemessen an der Station Boppard; das langjährige Mittel (1961-1990) bezieht sich auf Koblenz. Quelle: www.dlr.rlp.de





2013
**

Der Spätzünder mit den Regenspitzen zur Unzeit. Der Winter 2012/2013 war eine never ending story, der die Entwicklung der Reben deutlich verzögerte. Erst Ende April erwachten die Reben aus dem Winterschlaf, die Blüte begann schließlich um den 25. Juni (zum Vergleich: In 2011 startete die Blüte am 20. Mai!).  Parallel dazu streßten starke Niederschläge die Nerven der Winzer. Der Riesling machte seinem Namen alle Ehre und verrieselte. Das ließ schon mal deutlich verringerte Erträge befürchten. Dann folgte ein  warmer trockener Sommer, der einerseits für das kalte Frühjahr entschädigte, andererseits - je nach Standort und Alter der Reben - die Gefahr von Trockenstreß mit sich brachte. Der ersehnte Regen kam dann zur falschen Zeit, nämlich erst Anfang Oktober. Botrytis begann, sich rasant auszubreiten und somit galt es nun, so schnelll wie möglich zu lesen. Das Ergebnis waren sehr kleine Mengen, hohe Säurewerte bei der Ernte und mittlere Mostgewichte bei den gesunden Trauben. Was ist das Fazit eines so turbulenten Weinjahres, das die Nerven der Winzer bis aufs Äußerste strapazierte?  
    Die Aromatik der 2013er Rieslinge wird von dezenten floralen Noten sowie Zitrus- und heimischen Früchten dominiert. Die Säure ist prägnant und lebendig, wird aber dank der niedrigen Erträge von Dichte, Schmelz und Stoffigkeit ganz hervorragend aufgefangen. Der 2013er reiht sich in die guten Mittelrhein-Weinjahrgänge ein und belohnt somit letztendlich die Mühen der Winzer. Mein Tipp: Greifen Sie schnell zu, denn das Angebot ist begrenzt!


Foto: DWI


Mittlere Monatstemperaturen, gemessen an der Station Boppard. Quelle: www.dlr.rlp.de; das langjährige Mittel (1961-1990) bezieht sich auf Koblenz.



Niederschäge, gemessen an der Station Boppard; das langjährige Mittel (1961-1990) bezieht sich auf Koblenz. Quelle: www.dlr.rlp.de






2012
**

Der Kapriziöse.  War es in 2011 vergleichsweise einfach, gute Mittelrhein-Weine zu erzeugen, so bereitete der 2012er dem Winzer einige Kopfschmerzen. Der sehr kalte Winter führte insbesondere bei den Burgundersorten zu starken Frostschäden, es bildeten sich kleinere Trauben heraus als gewöhnlich. Bereits früh wurde Peronospora festgestellt und das Blühwetter war mäßig. Der Temperaturverlauf entsprach weitgehend dem langjährigen Mittel und ähnelte ein wenig dem Jahrgang 2010. Ende Juli hatten die Reben dann doch einen Entwicklungsvorsprung von etwa einer Woche gegenüber dem Durchschnitt, was sich bis zur Traubenreife fortsetzte. Die Lese begann um den 19. Oktober und da die Trauben gesund und das Wetter gut waren, geschah dies ganz ohne Zeitdruck. Die schlussendlich bei der Ernte erzielten Durchschnittswerte von 60 hl/ha im Vergleich zu 80 hl/ha in 2011, bei 84 im Vergleich zu 86 Grad Oechsle (http://www.statistik.rlp.de) dokumentieren einen Jahrgang, der bei deutlich kleinerer Menge weniger reif als sein Vorgänger daherkommt. Der 2012er ist durch eine lebendige, rassige Säurestruktur geprägt, unter der eine feste, manchmal pfeffrige Mineralität zum Vorschein kommt. Die Frucht ist eher heimisch als tropisch und der Terroir-Charakter wird schön herausgearbeitet. Immer dann, wenn Dichte und Schmelz das mineralische Spiel unterstützen, laufen die 2012er Rieslinge zu großer Form auf.

Mittlere Monatstemperaturen, gemessen an der Station Boppard. Quelle: www.dlr.rlp.de; das langjährige Mittel (1961-1990) bezieht sich auf Koblenz.



Niederschäge, gemessen an der Station Boppard; das langjährige Mittel (1961-1990) bezieht sich auf Koblenz. Quelle: www.dlr.rlp.de





2011 ***

Der "Eilfer".  Gehen wir gedanklich zweihundert Jahre zurück, so landen wir in dem legendären Kometenjahrgang 1811. In diesem Jahr erschien den Menschen nicht nur der Komet Flaugergues, es entstand auch ein angeblicher Jahrhundertwein - der Elfer (Eilfer). Mario Scheuermann beschreibt die überaus günstigen Wetterbedingungen im Jahre 1811: „Auf einen nur mäßig kalten Winter folgte bereits im Februar der Beginn eines trockenen und warmen Frühlingswetters, das bis Mai anhielt, der Sommer kam im Mai und ihm folgte ein warmer und überlanger Herbst.“[44] Den resultierenden Wein beschrieb man als „ein wahrer Nektar. Ertrag reichlich, ein Ausbund, süß, reich an Geist und stark.“[44] 
Wie sah es zweihundert Jahre später am Mittelrhein wettermäßig tatsächlich aus? Das Frühjahr war außergewöhnlich warm, sodass die Blüte bereits um den 20. Mai begann und man die zweitfrühste Blüte nach 1959 notieren konnte! Der Reifebeginn erfolgte mit einem Vorsprung von zehn Tagen gegenüber dem Durchschnitt der Jahre 1990 bis 2010. Während es im Frühjahr bedenklich wenig Niederschläge gab, wurden die Reben ab Juni in einem kühlen und feuchten Sommer gut mit Wasser versorgt. Der Entwicklungsvorsprung der Reben blieb erhalten, sodass die Lese für den Müller-Thurgau im September begann. Durch das warme Wetter während der Lese wurden die Moste mit Temperaturen von teilweise bis zu 25 °C angeliefert, sodass massives Kühlen in den Kellern nötig war, um unkontrollierte Gärung zu vermeiden. Mit ca. 43.000 hl wurde beinahe doppelt so viel Most erzielt wie im mageren Vorjahr. Vergleicht man den Witterungsverlauf dieses Jahrgangs mit seinen Vorgängern, so drängt sich der Vergleich mit den hervorragenden Jahrgängen 2005 und 2007 auf. Das waren Jahrgänge, die durch ihre reifen, tropischfruchtigen Aromen glänzten. 
    Die Verkostungen präsentierten einen Jahrgang, der über deutlich mehr Alkohol, Volumen, Cremigkeit und weniger Säure als sein Vorgänger verfügte. Die 2011er Rieslinge präsentierten florale und reiffruchtige Aromen sowie eine Mineralität, die aromatisch eingebunden war und somit sehr harmonisch wirkte. Ein Jahrgang, der es mit seinen großen Vorgängern wie 2005 und 2009 durchaus aufnehmen kann!

Foto: DWI

Mittlere Monatstemperaturen, gemessen an der Station Boppard. Quelle: www.dlr.rlp.de; das langjährige Mittel (1961-1990) bezieht sich auf Koblenz.


Niederschäge, gemessen an der Station Boppard; das langjährige Mittel (1961-1990) bezieht sich auf Koblenz. Quelle: www.dlr.rlp.de




2010 **

Der Jahrgang ohne Vorschußlorbeeren. Die Temperaturen lagen beinahe exakt auf dem langjährigen Mittel - abgesehen von einem besonders warmen Juli. Problematisch und bestimmend für diesen Jahrgang waren die Niederschläge im August, die zu massiver Fäulnis führten. Die Weinernte begann deshalb bereits Ende September. Wegen der Fäulnis kam es auf eine strenge Selektion gesunder und von Botrytis befallener Trauben an. Die Erntemenge lag am Mittelrhein mit 23.000 Hektolitern zwanzig Prozent niedriger als im schon ertragsschwachen Vorjahr - pro Hektar sind das kaum mehr als 50 Hektoliter. Die Mostgewichte waren am Ende relativ hoch, doch aufgrund der frühen Lese und der kühlen Nächte während der Reifephase wurde auch die Säure nicht in gewohntem Maße abgebaut. Seit den 80er Jahren hat man am Mittelrhein solche Säurewerte nicht mehr erlebt - damals aber bei weit niedrigeren Oechslegraden. Gefragt waren in diesem Jahr also eine sorgfältige Selektion sowie ein geschicktes Säuremanagement. Mancher Winzer fasste das mit den Worten "halbe Ernte aber doppelte Arbeit" zusammen. Selten hat ein Mittelrhein-Weinjahrgang der letzten Jahre so wenig Vorschußlorbeeren erhalten, insofern war die positive Überraschung fast vorprogrammiert.
    Die Verkostungen präsentieren einen Jahrgang, der von einer außergewöhnlich intensiven, salzigen Mineralität dominiert wird. Dazu kommt eine sehr prägnante Säure, deren Dominanz natürlich auch vom Geschmack des Winzers abhängt. In den reifen Rieslingen finden sich florale und tropisch-fruchtige Aromen. Die edelsüßen Rieslinge brillieren mit einem nicht enden wollenden Spiel aus Blütenaromen, Frucht, Säure, Salz und Süße. Ein Jahrgang, weit besser als der Ruf, der ihm vorauseilt und außerdem ganz eindeutig ein Jahrgang der restsüßen Weine. Laut Florian Weingart ist im Jahre 2010 sowieso „edelsüß das Maß aller Dinge im neuen Jahrtausend und wird diesen Jahr­gang noch leuchten lassen, wenn der Schmerz des momentanen Ertragsausfalls längst abgeklungen ist.“ [43]

Mittlere Monatstemperaturen, gemessen an der Station Boppard. Quelle: www.dlr.rlp.de; das langjährige Mittel (1951-1980) bezieht sich auf Koblenz.


Niederschäge, gemessen an der Station Boppard; das langjährige Mittel (1951-1980) bezieht sich auf Koblenz. Quelle: www.dlr.rlp.de






2009 ***

Der Jahrgang mit dem nassen Frühsommer und der kleinen Menge. Einem recht kalten Winter folgte ein warmes Frühjahr sowie ein regenreicher Frühsommer. Die Blüte begann etwa 1 Woche früher als normal, zog sich aber ungewöhnlich lange hin  und Verrieselungen legten den Grundstein für eine vergleichsweise kleine Ernte. Im Juli und August waren die Reben in Bacharach sehr gut mit Wasser versorgt, während es in Boppard sehr trocken war. Von Juli bis September lagen die Temperaturen über dem langjährigen Mittel, während der Lese blieb es vergleichsweise trocken. Der Ertrag lag schließlich ein Drittel unter dem Normalmaß. Die Presse überschlug sich schnell mit der Prognose eines absoluten Spitzenjahrgangs. Ausnahmsweise scheint sich diese Prognose zu bestätigen. Der Riesling-Jahrgang präsentiert sich reif, dicht, cremig und früh trinkbar und profitiert von den geringeren Erträgen sowie der Sauberkeit des Traubenmaterials. Die trockenen Weine zeigen reife (tropische) Fruchtaromen, unter dem Schmelz am Gaumen breitet sich eine feste Mineralik aus. Den halbtrockenen Rieslingen fehlt es manchmal etwas an Säure, aber die süßen Weine brillieren mit glasklaren und sehr intensiven Fruchtaromen. Der Jahrgang 2009 ist auf Augenhöhe mit den großen Mittelrhein-Jahrgängen des Jahrzehnts wie 2005 und 2002.


Mittlere Monatstemperaturen, gemessen an der Station Boppard. Quelle: www.dlr.rlp.de; das langjährige Mittel (1951-1980) bezieht sich auf Koblenz.


Niederschäge, gemessen an der Station Boppard. Vergleich der monatlichen Niederschläge in Boppard und Bacharach 2009 mit Boppard 2008. Quelle: www.dlr.rlp.de






2008
**

Der Jahrgang mit der langen Reife. Der Temperaturverlauf zeigte einige Parallelen zu 2007, die Wasserversorgung war jedoch gleichmäßiger als im Vorjahr. Aufgrund des warmen Frühjahrs blühten die Reben ca. zwei Wochen früher als normal, Beginn von Reife und Lese lagen jedoch ganz normal. Schon kurz nach Reifebeginn trat Botrytisbefall auf, der sich jedoch ab Ende September  deutlich verlangsamte. Während der Reife stiegen die Mostgewichte eher verhalten an, die Säure wurde nur langsam abgebaut. Am Ende wurden Mostgewichte erreicht, die etwas unter dem Vorjahr lagen (85°), sowie etwas höhere Säurewerte (12 g/l). Mit 40.000 hl und Erträgen von 95 hl/ha wurde am Mittelrhein eine Rekordernte eingebracht.
2008 ist ein Jahrgang, der deutlich schlanker, alkoholärmer und säurebetonter ausfällt, als seine Vorgänger. Insbesondere bei den trockenen Rieslingen findet sich oftmals eine sehr pfeffrige Würze. Es ist ein Paradejahrgang der halbtrockenen Rieslinge, die sehr frisch und Mittelrhein-typisch daherkommen. Ähnlich wie in 2007 zeigen ausgereifte Rieslinge deutliche Honig- und Blütenaromen sowie Fruchtkomponenten, die von reifen heimischen Früchten bis zu tropischen Aromen reichen.


Mittlere Monatstemperaturen, gemessen an der Station Boppard. Quelle: www.dlr.rlp.de



Niederschäge, gemessen an der Station Boppard. Quelle: www.dlr.rlp.de





2007 **-***

Der Jahrgang mit dem außerordentlich warmen Frühjahr. Von Januar bis Juni lagen die Durchschnittstemperaturen über dem langjährigen Mittel, danach kehrte Normalität ein. Die Niederschläge waren relativ gleichverteilt, nur im April und Oktober war es ungewöhnlich trocken. Es war kein ausgesprochen trockener Jahrgang, trotzdem fielen insgesamt 20% weniger Niederschlag als im langjährigen Jahresmittel. Der Austrieb der Reben erfolgte in diesem sommerlich warmen Frühjahr bereits Mitte April (normalerweise Anfang Mai), die Rebblüte begann im Mai (normalerweise Juni). Schnell enstand ein Vegetationsvorsprung von drei Wochen. Dieser Vorsprung hielt bis zum Reifebeginn Anfang August, wurde dann aber durch kühle Septembernächte langsam abgebaut, sodass die früheste Ernte aller Zeiten ausblieb. Folge dieser Verzögerung war jedoch eine außergewöhnlich lange Reifezeit, die die Mineralstoffaufnahme und Bildung von Aromen begünstigte. Ein Thema in 2007 waren Schäden durch Sonnenbrand, von denen ca. 10-20% der Trauben betroffen waren. Dennoch war 2007 mit einem Durchschnittsertrag von 95 hl/ha ein ertragreiches Jahr. Der Botrytispilz zeigte sich von seiner besten Seite, indem er erst im Oktober in Erscheinung trat. Die Riesling-Säurewerte von 10-13 g/l bei einem Mostgewicht von 85-90° Oechsle zeigen mittlere Werte bei hohem Mostgewicht. Der Jahrgang offenbart eine bemerkenswerte Zweiteilung des Anbaugebietes: Die Rieslinge südlich von Boppard (Oberwesel, Bacharach) zeigen ausgeprägte Kräuter- und Gewürznoten, bei höheren Prädikaten kommen Honig- und Blütenaromen hinzu, die Frucht tritt etwas in den Hintergrund. Die Bopparder Rieslinge hingegen zeigen ausgeprägte, tropische Fruchtaromen, Gewürze und einen sahnigen Schmelz. Dem Weinfreund bietet sich viel Raum für Entdeckungen!

Foto: DWI


Mittlere Monatstemperaturen, gemessen an der Station Boppard. Quelle: www.dlr.rlp.de; das langjährige Mittel (1951-1980) bezieht sich auf Koblenz.




Niederschäge, gemessen an der Station Boppard. Quelle: www.dlr.rlp.de; das langjährige Mittel (1951-1980) bezieht sich auf Koblenz.





2006 **

Das Sommermärchen - ein für die deutschen Winzer nicht unproblematischer Jahrgang. Einem vergleichsweise langen, kalten Winter folgten ein sehr warmer Juli, ein kühler August und ein bemerkenswert warmer Herbst. Überdurchschnittlich viel Niederschlag gab es in den Monaten Mai und August. Ende September / Anfang Oktober gab es teilweise monsunartige Regenfälle, die "Fäulnis" zum beherrschenden Thema während der Ernte machten. Sehr selektive und möglichst rasche Lese waren nötig, um in 2006 optimales Traubengut einzubringen. Das Schlagwort "Turbolese" machte schnell die Runde. Der Ertrag im Anbaugebiet Mittelrhein war durchschnittlich und lag damit fast ein Drittel höher als 2005 - wobei der Lesezeitpunkt über die geerntete Menge entschied. Manche Winzer, besonders die "Spätleser" hatten große Ertragseinbußen zu verzeichnen. Peter Jost vergleicht den Jahrgang mit dem "legendären 1989er". Er schreibt in seinem Erntebericht: "Die Trauben waren sehr früh reif; die Mostgewichte schon Ende Oktober sehr hoch. Dann kam ein starker Regen, schlagartig setzte die Botrytis-Infektion ein. Doch wir hatten Glück, denn es folgte - ähnlich wie 1989 - ein trocken-warmer Oktober. Die Reben trockneten ab und uns blieb die Zeit gesunde, edelfaule und verdorbene Trauben in mühevoller Kleinarbeit voneinander zu trennen." Neben den hohen Mostgewichten ist der Riesling-Jahrgang durch eine etwas unter dem Niveau des Vorjahres liegende Säure gekennzeichnet. Aufgrund der Fäulnis-Problematik trennt sich in diesem Jahrgang die Spreu vom Weizen. Nur wer spät (physiologische Reife!) und sehr selektiv gelesen hat, konnte überzeugende 2006'er präsentieren. Die Verkostungen zeigen, daß auch dieser Jahrgang sehr kraftvolle, füllige Weine hervorgebracht hat. Die Frucht ist noch reifer als in 2005 und geht eher in Richtung gekochter Früchte und Dörrobstnoten. Oftmals wird diese Frucht von mineralischen und würzigen Komponenten dominiert. Häufiger als sonst finden sich in den 2006'er Rieslingen Bittertöne und den trockenen Gewächsen macht der oftmals hohe Alkoholgehalt zu schaffen.

Foto: DWI/Hartmann

Mittlere Monatstemperaturen, gemessen an der Station Boppard. Quelle: www.dlr.rlp.de; das langjährige Mittel (1951-1980) bezieht sich auf Koblenz.



Niederschäge, gemessen an der Station Boppard. Quelle: www.dlr.rlp.de; das langjährige Mittel (1951-1980) bezieht sich auf Koblenz.







2005 ***

Der Jahrgang, der im Spätsommer und Herbst zu großer Form auflief. Von März bis Oktober wurde eine Wärmesumme erreicht, die normalerweise für ein gesamtes Jahr reichen muß. Die Monatsmittel der Temperaturen lagen fast durchgängig über dem langjährigen Mittel. Entsprechend erreichten die Trauben einen Reifevorsprung von etwa einer Woche gegenüber dem langjährigen Durchschnitt. So wurde in 2005 sehr früh mit der Ernte begonnen, die wegen der Niederschläge Anfang September auch recht schnell durchgeführt wurde und dementsprechend früh beendet war. Die Erntemenge lag etwa 10% unter der des Vorjahres, die Mostgewichte reichten jedoch an die bemerkenswerten 2003er heran. Die für den Riesling durchschnittlich erreichte Säure von 9g/l lag unter dem langjährigen Mittel. Die Niederschläge lagen bis in den Juli zum Teil deutlich über denen des Vorjahres, dennoch war die klimatische Wasserbilanz für den Zeitraum Mai bis September negativ. 2005 war also kein so trockenes Jahr wie 2003/2004, die Wasserversorgung aber nicht ganz optimal. Im Raum Oberwesel und Kaub kam es am 27. Juli zu einem Hagelschlag, der die Ernte im Goldemund fast zu 100% vernichtete und auch in den anderen Oberweseler und Kauber Lagen immense Schäden anrichtete (siehe Bild). Ab Ende September zeigten die Trauben Fäulnis, wobei es sich meist um saubere Botrytis handelte. Wo weder der Hagel noch die Fäulnis zuschlugen und früh gelesen wurde, konnten reife Trauben in guter Qualität und Menge eingebracht werden. Wo die maximale physiologische Reife abgewartet wurde und streng selektiert wurde, wurden vollreife, goldgelbe bis manchmal rosafarbene Rieslingtrauben eingebracht. Das Ergebnis sind sehr reife, cremige und bereits früh trinkbare Rieslinge, in denen besonders die tropischen Fruchtaromen dominieren. Florian Weingart, Matthias Müller und Peter Jost präsentierten in diesem Jahr beeindruckende Kollektionen. Unter dem Strich erwies sich der 2005'er als Spitzenjahrgang am Mittelrhein, auch wenn nicht jeder Winzer aus Oberwesel dies so sehen wird.

Vorläufige Daten für Riesling des Jahrgangs 2005 am Mittelrhein im Vergleich zum langjährigen Mittel (Quelle: www.dlr.rlp.de)


Austrieb
Blüte
Reifebeginn
Mostg.
Säure
Ertrag
2005
01.05.
13.06.
14.08.
85° Oe
9 g/l
70 hl/ha
Mittel
01.05.
17.06.
21.08.
75 ° Oe
12 g/l
81 hl/ha

Mittlere Monatstemperaturen, gemessen an der Station Boppard. Quelle: www.dlr.rlp.de; das langjährige Mittel (1951-1980) bezieht sich auf Bad Ems.

 

Niederschäge, gemessen an der Station Boppard. Quelle: www.dlr.rlp.de; das langjährige Mittel (1951-1980) bezieht sich auf Bad Ems.

 



2004 **-***

Die Rückkehr der "Normalität" nach dem außergewöhnlichen 2003'er. Von den Winzern hörte man schon früh das einhellige Urteil: "Die Riesling-typische Frucht und Säure sind wieder da".  Wie  im Vorjahr bereitete die Schwarzfäule stellenweise Probleme, erstmals geisterte sie in 2004 durch die Schlagzeilen. Gerade am Mittelrhein ist die Schwarzfäule ein heißdiskutiertes Thema, da brachliegende Weinberge ursächlich mit dieser Krankheit verknüpft sind. Bis Mitte November wurden 1640 Sonnenstunden gemessen: 460 weniger als in 2003, aber immer noch 100 Stunden mehr als im 30-jährigen Mittel. Dem sich zunächst regenreich und kühl präsentierenden Sommer folgten ein guter Spätsommer und Herbst, was eine lange Reifezeit ermöglichte. So wurden schließlich unerwartet hohe Mostgewichte und eine gute physiologische Reife erreicht. Leider verhinderte mäßiges, feuchtes Wetter Ende Oktober die absolute Spitze. Die Erträge lagen über dem langjährigen Mittel. Sensorisch waren viele junge Rieslinge dieses Jahrgangs durch herbgrüne Fruchtaromen und eine pikante Säure gekennzeichnet. Diesen Weinen muß man Zeit zur Entwicklung lassen. Der Zeitpunkt der physiologischen Reife der Trauben fand sich beim 2004er erst bei höheren Mostgewichten als sonst üblich. Deshalb brachte der Jahrgang gerade bei den Spitzenwinzern, die mit entsprechender Geduld auf den optimalen Reifezeitpunkt warteten, sehr gute Ergebnisse. Trotz der Riesling-typischen Säure fallen die 2004er keinesfalls schlank, sondern eher körperreich und kraftvoll aus. Neben den bereits erwähnten herbgrünen Fruchtaromen sind ausgeprägte Gewürznoten und eine an Sandstein erinnernde Mineralik prägend für den Jahrgang 2004 - diese Mineralik zieht sich geradezu wie ein roter Faden durch die 2004er Rieslinge.


Foto: DWI/Hartmann



2003 **

Der Sonnenjahrgang. Dieser Jahrgang zeigt uns das Verhalten der Weinberge (und Winzer) in einer Extremsituation. Erstmals (ab 1. Oktober) war die Säuerung der Weine mit bis zu 1,5g/l Weinsäure erlaubt. Die Lese begann im Durchschnitt drei Wochen früher als sonst. Von Juni-September lag die durchschnittliche Regenmenge unter der Hälfte des langjährigen Mittels. Ob der Trockenheit waren in diesem Jahrgang mittelschwere und schwere Böden sowie alte Rebanlagen klar im Vorteil. Die lange Hitzeperiode führte natürlich zu hohen Mostgewichten, aber auch zu einem deutlichen Abbau der Fruchtsäure. Viele Trauben zeigten Schwarzfäule, die jedoch nicht übergriff und deshalb kein ernsthaftes Problem darstellte. Die Beerenhäute waren sehr dick, allein deshalb wurden geringere Erträge erzielt. Zusammenfassend kann der Jahrgang als einzigartig - aber keinesfalls einfach - bewertet werden.



Jahrgangsbewertungen 1987-2016

2016 **
2015 ***
2014 *-**
2013 **
2012 **
2011
***
2010 **
2009 ***
2008 **
2007 **-***
2006 **
2005
***
2004 **-***
2003 **
2002
***
2001 **-***
2000 *
1999 *
1998 **
1997 **
1996 **-***
1995 **
1994 **-***
1993 ***
1992 **-***
1991 **
1990 **-***
1989 ***
1988 **
1987 *
 


 

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